@ugenblicke 02 – Störungen im Kontakt ansprechen

Wir kennen alle die Situation: Jemand tut etwas, das uns stört, worüber wir uns ärgern. Manchmal sagen wir nichts, ärgern uns im Stillen – und platzen womöglich viel später, wenn sich genug angestaut hat, was zur Klärung nicht hilfreich ist.

Entscheiden wir uns, den Zwischenfall gleich ansprechen zu wollen, stehen wir vor der Frage „wie mach’ ich’s – ohne noch mehr Geschirr zu zerschlagen?“ 

Zu dieser Thematik hat Marshall Rosenberg vor einigen Jahren die Technik der „Ge-waltfreien Kommunikation“ entwickelt. Dabei geht es darum, Störungen anzusprechen und auszuräumen, ohne den anderen mit den eigenen Äußerungen und insbesondere der Wortwahl zu kränken oder anzugreifen.

Dazu sind verschiedene Schritte nötig:

1. Die abwertungsfreie Beschreibung der Situation beinhaltet eine sachliche Darstellung dessen, was ich gesehen und gehört habe – ohne Be-, geschweige denn Abwertung.

Zum Beispiel: „Das Gespräch ist so laut, dass ich es in meinem Zimmer verfolgen kann“ – statt „Sie brüllen so laut, dass…“.

Wenn ich einem Menschen tierisches Verhalten unterstelle – und genau das tue ich, wenn ich behaupte, er oder sie brülle – darf ich mich nicht wundern, wenn dieser Mensch auch wie ein gereiztes Tier reagiert. Hier Illu „Wolf“

Auch das ist eine Form der Bewertung: Wenn ein Sachverhalt oder ein Verhalten mithilfe eines drastischen, emotional gefärbten Bildes beschrieben wird. Die so aus-gelöste Erregung wird es meinem Gegenüber sehr schwer machen, Entgegenkommen zu zeigen und für meine noch zu äußernde Bitte offen zu sein.

2. Die Gefühlsmitteilung ist nach meiner Erfahrung der schwierigste Part, denn hier geht es nicht nur darum,
a. in sich hinein zu horchen und
b. zu ergründen, wie ich mich gerade fühle, sondern
c. es darüber hinaus in neutrale Worte zu kleiden.

Damit ist gemeint, Beschreibungen zu benutzen, die keine Täter-Opfer-Zuweisung beinhalten.

Beispielsweise heißt „überfordert“ immer, jemand überfordert mich – mein Gegenüber zieht sich diesen Schuh womöglich in, fühlt sich angegriffen und reagiert entsprechend. Wenn ich statt dessen sage, „ich habe Angst, das nicht zu schaffen“, hat das nichts mit meinem Gegenüber zu tun.

Tipp: alle angeblichen Gefühlsworte, die eine/n Täter/in suggerieren, sollten Sie in diesem Kontext vermeiden; dagegen sind „traurig“, „einsam“, „hilflos“ Gefühlsbeschreibungen, die ohne Täter/in „funktionieren“.
Dagegen unterstellen „vernachlässigt“, „bedrängt“, „gekränkt“, dass es jemand gibt, der das bewirkt – wahrscheinlich fühlt sich mein Gegenüber gemeint und reagiert entsprechend.

3. Die Bedürfnis-Schilderung zwingt mich dazu, mir zu überlegen, worum es mir eigentlich geht, was ich brauche.

In dem obigen Beispiel etwa „ich brauche Ruhe, um den Bericht Korrektur zu lesen“ statt etwa „kann man denn hier nie in Ruhe arbeiten?“

4. Die Bitte bringt auf den Punkt, was ich genau vom anderen möchte – und worum ich sie oder ihn bitte, denn Forderungen führen meist nur zu Widerstand und haben häufig auch keine Berechtigung. Wenn ich dagegen jemanden darum bitte, etwas bestimmtes zu tun, ist diese Person oft gern bereit, mir diesen Gefallen zu tun.

Wenn Sie sich intensiver mit dieser Thematik auseinander setzen möchten, empfehle ich Ihnen das Buch:

Rhode, Rudi; Meis, Mona Sabine; Bongartz, Ralf: Angriff ist die schlechteste Verteidigung – Der Weg zur kooperativen Konfliktbewältigung
Junfermann Verlag, Paderborn 2003, 173 Seiten, ca. 20 €

Für den privaten Bereich und insbesondere Paarbeziehungen:

Gens, Klaus-Dieter; Pasztor, Susanne: „Ich höre was, was du nicht sagst – Gewaltfreie Kommunikation in Beziehungen“
Junfermann, Paderborn 2004, 95 Seiten, € 9,95.

Machen Sie sich auf eine spannende Herausforderung gefasst, die einige Geduld erfordert und großen Spaß macht, nicht zuletzt durch die – vielleicht zunächst klein erscheinenden – Erfolge …

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Herzliche Grüße,

Ihre Jutta Nather